Regionale Wirtschaftsgemeinschaften

Ein praktisches Konzept für ein zukunftsfähiges Wirtschaften, das gelebt werden will

Der Realo aus der Sicht der Währungstheorie

Der Realo: Eine sachwertgedeckte und zinsfreie Komplementärwährung mit Umlaufsicherung.

Er wird durch an Nachhaltigkeit orientierten Sachwerte gesichert, die der Genossenschaft gehören, welche die Tauschgemeinschaft betreibt.

Gehen wir Begriff für Begriff darauf ein:

  • sachwertgedeckt
    Der Realo ist eine sachwertgedeckte Währung – gedeckt durch Beteiligungen an nachhaltig wirtschaftenden, lokalen Unternehmen. Somit ist eine seiner wichtigsten Funktionen die Förderung des nachhaltigen Wirtschaftens in der Region. Dies ist wiederum so, weil die Beteiligungen erstanden werden müssen eher sie als Deckung hinterlegt werden und – bei Bedarf – neue Realos hierfür in Umlauf gebracht werden können. Dies ist ein wesentlicher Unterschied zum bestehenden Geldsystem, bei dem zuerst Geld aus dem Nichts geschaffen wird, die Gegenleistung aber in der Zukunft erfolgen soll.
    Die Genossenschaft sollte nicht nur Unternehmen beachten, die so nachhaltig wie möglich wirtschaften, sondern auch gezielt solche Geschäfte unterstützen, die die jetzigen Grundbedürfnisse befriedigen, oder auch lebenswichtige Ressourcen für die kommenden Generationen sichern. Ist das nicht ein wunderbares Kollateral für eine Währung?
  • zinsfrei
    Dieser Teil ist leicht zu verstehen: Es dürfen keine Zinsen im Realo-Währungsraum berechnet werden. Dies kann in der Praxis nicht vom Betreiber der Tauschgemeinschaft garantiert werden, da z. Bsp. zwei Personen eine Zinszahlung insgeheim vereinbaren könnten. Siehe aber auch Durchsetzbarkeit .
  • Komplementärwährung
    Das Wort "komplementär" bedeutet "den anderen, das andere ergänzend".
    "Währung" bedeutet allgemein akzeptierte Tauschgutscheine bzw. -marken.
    Eine Komplementärwährung unterscheidet sich von nationalen Währungen durch bestimmte Eigenschaften (z.B. zinsfrei, umlaufgesichert). Durch diese Unterschiede erreicht man eine äußerst sinnvolle Ergänzung zu der üblichen Landeswährung. Eine Komplementärwährung trägt durch ihre speziellen Merkmale zur ökonomischen Stabilität in der Region bei. Eine Mischkultur in der Landwirtschaft gilt ja auch als stabileres System als eine Monokultur.
  • mit Umlaufsicherung
    Der Begriff Umlaufsicherung stammt von Silvio Gesell. Dies sind die Kosten für das Besitzen oder Halten einer Währung zu einem vorher bestimmten Zeitpunkt. Zu diesem Zeitpunkt wird eine Gebühr von den Geldhaltern einbehalten (z.B. 2% pro Quartal oder 1% pro Monat). Diese wird dann der Gemeinschaft zugeführt und ist keinesfalls als Strafe für den Einzelnen zu sehen. Die Umlaufsicherung hat eine Reihe von Vorteilen gegenüber dem Zinssystem: Während Zinsen auf Spar-Einlagen die Ausgaben in die Zukunft verlagern, um einen Zinsgewinn zu erzielen, bewirkt die Umlaufsicherung das Gegenteil, nämlich, dass es eher ein Nachteil ist das Geld zu horten. Die Geldhortung unterbricht den Wirtschaftskreislauf, da das Geld in dieser Zeit dem Tauschhandel nicht zur Verfügung steht. Durch den aktiven Tauschhandel wird der Arbeitslosigkeit und einer wirtschaftlichen Depression vorgebeugt.
    Um dem menschlichen Bedürfnis des Sparens, z.B. für die Rentenzeit, nachzukommen, gibt es z.B. die Möglichkeit der Beteiligung. Als ein weiteres Argument kann man noch anführen, dass die Geldhalter den Produzenten und Händlern von Sachwerten gleichgestellt werden, da diese Kosten für z.B. Lagerung oder Kühlung haben.
  • die der Genossenschaft gehören…
    Wenn eine Person Anteilsscheine zeichnet und diese ihrem Konto hinterlegt, kann sie bis zur Grenze des dafür eingeräumten Kreditrahmens selber Realos in Umlauf bringen. Die Höhe des Kreditrahmens sollte ca. 80% des hinterlegten Wertes nicht übersteigen.
    Achtung: Die genauen Finanzierungsmechanismen können von ReWiG zu ReWiG variieren, sie richten sich nach den Wünschen der Mitglieder oder aber auch nach den rechtlichen Bestimmungen des Landes. Verschiedene Möglichkeiten, wie Genossenschaftsanteile (mit und ohne Stimmrecht), Genussrechte, Kauf von Realos bzw. Realo-Schöpfungsrechte mittels nationaler Währung, stille Beteiligungen usw. wurden und werden diskutiert. In fast allen Fällen sind die Vermögenswerte Eigentum der (Rechtsform) Teilhabergemeinschaft, selten sind sie individuell zuordenbar.

Ist der Realo ein gegenseitiges Kreditsystem?

Nein.
In den meisten Hinsichten entspricht der Realo in der Tat der Wikipedia-Definition eines gegenseitigen Kreditsystems [Artikel leider nur in englischer Sprache vorhanden]. Realos werden bei der Transaktion erschaffen und sind zinsfrei. Kontostände werden geführt und Sollstände können durch die Erbringung von Leistung für beliebige Teilnehmer beglichen werden. Über die Geldmenge in Umlauf gibt es keine kontrollierende Autorität. ABER der Realo unterscheidet sich von einem gegenseitigen Kreditsystem, insofern er durch hinterlegte Sicherheiten gedeckt ist. Im Hinblick auf die zwei Worte "gegenseitig" (im Sinne der Reziprozität) sowie "Kredit" (aus dem Lateinischen 'credere', zu glauben oder zu vertrauen), die zusammen buchstäblich "einander zu vertrauen" bedeuten, passt der Realo nicht zur Definition – Vertrauen in die Zurückzahlung von Schulden ist nicht nötig, da im Notfall die zu Anfang hinterlegten Sicherheiten herangezogen werden.

Das Realo-Konzept schließt jedoch diejenigen nicht aus, die kein herkömmliches Geld für den Erwerb der Sachwerte, die den Realo decken, aufbringen können. Man eröffnet einfach ein Realo-Konto mit Null-Guthaben ohne Kreditlinie. Dann können nur die Realos ausgegeben werden, die man vorher durch eigene Leistung erworben hat. In der Tat ist dies ein ganz anderes Paradigma als ein (blinder) Vertrauensvorschuss – es ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Eigenverantwortung. Man kann nie mehr herausholen, als man selbst hineingesteckt hat und vor allem: Keiner kann echte Schulden anhäufen.

Dies mag etwas "hart" klingen wenn man es zum ersten Mal hört, doch wir Leben in einer kausalen Welt. Wir ernten die Früchte unserer Handlungen – das Paradigma des Lebens selbst ist eines von Konsequenzen, nicht von Freibier für alle. Soziale Ausgleichsaspekte können unabhängig davon ganz einfach eingebaut werden, z.B. BGE – Bedingungsloses Grundeinkommen: Per Beschluss der Mitgliederversammlung können die Gebühren (Umlaufsicherung, Transaktionsgebühr) sehr hoch angesetzt werden, z.B. 50%, und diese Einnahmen (abzgl. der Unterhaltungskosten der Tauschgemeinschaft) monatlich als BGE an alle Inhaber von PRIVATkonten verteilt werden. Beim Design des Realo-Systems wollten wir jedoch keine so weitreichenden Entscheidungen in der Konstruktion verankern; sie bleiben jeder lokalen Gemeinschaft überlassen.

Übrigens: Der ripple wird als ein rein vertrauensbasiertes Schuld- und Kreditsystem in Umlauf gebracht. Es erlaubt den Transfer von Schulden, von jemanden den man nicht so gut kennt auf jemanden den man besser oder gut kennt. Eine Kooperation mit dem Realo scheint unpassend, weil der Realo nicht Vertrauen sondern Sachwertdeckung als grundsätzliches Paradigma verwendet.

Danksagungen und Ressourcen

Allen voran ein ganz herzliches Dankeschön an Dante-Gabryell Monson aus Belgien, der uns ganz wertvolles Feedback gab und uns mit vielen anderen Aktiven in Kontakt brachte.

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